Von der Leinwand zur Briefmarke
Die Schweizerische Post bringt am 7. Mai vier Sondermarken zum Thema «Mentale Gesundheit» heraus. Eines der Motive stammt von der Wittenbacherin Künstlerin Corina Schleuniger. Für sie ist die Auswahl eine grosse Ehre: «Ich habe vor Freude getanzt, als ich erfahren habe, dass ein Bild von mir ausgewählt wurde.»
Eine Briefmarke über das Leben
Das ausgewählte Werk trägt den Titel «Alles Käse». Es zeigt die Künstlerin als Kind auf dem roten Sessel ihrer Grossmutter beim Stricken. Die Strickarbeit formt einen Käse und steht sinnbildlich für das Leben. Das Mädchen hält die Fäden in den Händen und gestaltet damit ihr eigenes Leben. „Aber es läuft nicht immer alles glatt“, erklärt Schleuniger, „Bei der Strickerei fallen Maschen, im Käse entstehen Löcher und auch das Leben hinterlässt seine Spuren. Mein eigenes Leben weist ebenfalls Löcher und Narben auf.“
Der Weg zur Kunst
Noch vor rund sechs Jahren waren Pinsel und Farbe für Corina Schleuniger kein Thema. Erst eine psychische Erkrankung und die therapeutische Arbeit öffneten ihr den Zugang zum künstlerischen Schaffen. Ein einschneidendes Ereignis führte sie in die Klinik nach Wil, wo sie das Living Museum kennenlernte: Ein offenes Kunstatelier für Menschen mit psychischen Herausforderungen. «Ich war überzeugt, ich hätte kein künstlerisches Talent und habe anfangs nur gestrickt», erzählt sie. Erst durch die Ermutigung der Kunsttherapeuten wagte sie den Schritt zur Malerei. Bereits mit ihrem ersten Bild zeigte sich ihr unverwechselbarer Stil: «Ich musste meinen Stil nicht suchen, wie meine künstlerische Gabe war er einfach da.» Das Living Museum wurde für Schleuniger zu einem zweiten Zuhause, das sie bis heute täglich aufsucht.
Von der Patientin zur Künstlerin
In der Malerei hat Corina Schleuniger ein Ausdrucksmittel gefunden, um Erlebtes zu verarbeiten. In ihren Bildern thematisiert sie Erinnerungen, Wünsche, Träume und Gedanken. Häufig malt sie Frauenfiguren, die meist sie selbst darstellen. «Meine Arbeiten sind sehr persönlich und ich male nur, wenn es mir gut geht“, sagt sie. Beim Malen finde sie Ruhe und tauche in eine andere Welt ein. Die Kunst habe sie verändert und ausgeglichener gemacht. Früher sei sie vor allem für andere da gewesen, heute achte sie stärker auf sich selbst. Lange war das Malen Teil ihrer Therapie, und auch heute malt Schleuniger in erster Linie für sich. Dennoch freut sie sich, wenn ihre Werke andere Menschen berühren und ist stolz auf ihren Erfolg. „Mir ist wichtig, dass nicht meine psychische Erkrankung im Vordergrund steht, sondern dass ich als Künstlerin wahrgenommen werde.“
Zwischen Realität und Träumen
In den vergangenen sechs Jahren sind rund 400 Werke entstanden. Corina Schleuniger stellte ihre Bilder bereits mehrfach aus, unter anderem im Schloss Dottenwil, und wurde 2022 mit dem Kulturpreis in Wil ausgezeichnet. Dass eines ihrer Werke nun eine Briefmarke ziert, hätte sie sich nie erträumt. Und was wünscht sie sich für die Zukunft? «Im Kunstmuseum Zürich oder in New York auszustellen», sagt sie schmunzelnd. «aber ich bin realistisch genug zu wissen, dass dies Träume bleiben werden.» Als Briefmarke kann ihre Kunst durchaus den Weg bis nach New York finden, ganz ohne Ausstellungssaal.