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11.08.2022 13:09:01


Integration in sieben Jahren

Der 29-Jährige Afghane Jaafar Maqsudi ist seit sieben Jahren in der Schweiz. In dieser Zeit lernte er Deutsch und schloss erfolgreich eine Lehre ab. Nun verfügt er über ein unbefristetes Arbeitsverhältnis und finanziert damit sich und seine Familie selbstständig.

Jaafar Maqsudi nimmt ein Stück Teig, rollt ihn zu einem langen Strang und formt diesen gekonnt zu einer Brezel. Inzwischen ein geübter Handgriff, dem jedoch ein steiniger Weg zugrunde liegt. Vor sieben Jahren lebte der junge Afghane im Iran, heute ist er ein Musterbeispiel, wie eine nachhaltige berufliche Integration in der Schweiz funktionieren kann.

Reise ins Ungewisse
Mit seinen sechs Geschwistern wächst Jaafar Maqsudi in der iranischen Stadt Mashad auf. Als Afghane im Iran ist sein Leben geprägt von Schikane und Diskriminierung. 2015 entscheidet er sich zusammen mit seiner Frau nach Europa zu kommen. Mit dem Auto, per Schiff aber auch zu Fuss gelangen die beiden über die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland und schliesslich nach 45 Tagen in die Schweiz. Eine beschwerliche Reise mit vielen Entbehrungen, wie Jaafar Maqsudi erzählt: „Wir hatten manchmal nichts zu essen und es war schwierig eine Schlafmöglichkeit zu finden. So haben wir meist draussen übernachtet.“

Vorläufig aufgenommen
Nach dem Aufenthalt im Asylzentrum teilen die Schweizer Behörden Jaafar Maqsudi  und seine Frau nach Wittenbach ein. Ein Ort, den er vorher nicht kannte, denn er aber zu schätzen lernt. „Ich mag, dass es so sauber und ruhig ist“.  Hier kommt auch seine Tochter Elena auf die Welt. Das Asylgesuch der jungen Familie wird abgelehnt, der Bund erteilt ihnen jedoch den Status F „vorläufig aufgenommene Ausländer“. Diese Bewilligung erhalten Personen, die aus der Schweiz weggewiesen wurden, wobei sich der Vollzug als unzulässig, unzumutbar oder unmöglich erweist. Der junge Afghane ist zielstrebig und will etwas erreichen. Er büffelt Deutsch und bringt es innert wenigen Monaten auf das Niveau B1.

Arbeiten in der Backstube
Mit dem Ausweis F darf Jaafar Maqsudi arbeiten und das will er unbedingt: „Am liebsten als Koch oder Bäcker, aber ich war auch für eine Arbeit auf einer Baustelle bereit, Hauptsache ich erhielt eine Chance.“ Und diese bekommt er von Hansjörg Gmür von der Backstube der Bäckerei Konditorei Beck Beck in Wittenbach, trotz anfänglicher Bedenken: „Ich habe klar kommuniziert, wenn es nicht klappt, ist er ganz schnell wieder weg.“ Maqsudi bewährte sich. Aus einer Schnupperwoche wurde ein Praktikum, aus dem Praktikum eine Lehrstelle und nach der erfolgreich abgeschlossenen Lehre eine unbefristete Festanstellung. „Jaafar ist ein toller Typ. Zuverlässig, gewissenhaft, loyal. Da hatte ich schon ganz andere Mitarbeitende.“ schwärmt Gmür.

Weg von der Sozialhilfe
Die Lehre Bäcker/Konditor/Confiseur EBA besteht Jaafar Maqsudi mit Bravour. „Als Klassenbester“, wie er stolz erzählt, „dafür habe ich sogar eine Auszeichnung erhalten.“ Die Ausbildung zahlt sich aus, denn seit September 2021 beziehen der 29-Jährige und seine Familie keine Sozialhilfe mehr. „Ich finanziere unseren Lebensunterhalt selbst, mit allem was dazugehört wie Strom, Krankenkasse, Steuern etc.“ Eine abgeschlossene Ausbildung ist gemäss Jessica Kern, Mitarbeiterin im Sozialamt Wittenbach, ein wichtiger Schritt für eine nachhaltige berufliche Integration. „Mit seiner Ausbildung kann Herr Maqsudi auf dem Arbeitsmarkt bestehen, hat mehr Möglichkeiten als jemand ohne Ausbildung und läuft damit weniger Gefahr, wieder von der Sozialhilfe abhängig zu werden.“ Der 29-Jährige ist entsprechend ein Musterbeispiel für die Umsetzung der Integrationsagenda Schweiz (siehe Infobox), da er die dort geforderten Ziele alle erfüllt. Seine persönlichen Ziele stecke Maqsudi jedoch höher: „Ich träume von einer eigenen Bäckerei.“ Mit dieser Idee im Kopf gibt er Vollgas und arbeitet sechs Tage pro Woche, zu Tages- und Nachtzeiten. Sein Fleiss und seine Zielstrebigkeit sind auch Jessica Kern aufgefallen, die ihn bei seiner beruflichen Integration begleitet hat. „Er hat grosses Durchhaltevermögen, will weiterkommen und ist sich nicht zu schade, viel dafür zu leisten.“

Dankbar für Möglichkeiten
Bei seiner Arbeitswoche bleibt dem Familienvater nicht viel Freizeit zur Verfügung. Die Zeit, die er hat, nutzt er mit seiner Familie und lernt seine Umgebung kennen. „Ich suche im Internet touristische Ausflugsziele in der Nähe, die wir dann besichtigen. So waren wir letztens beim Fünfländerblick und haben die Aussicht über den Bodensee genossen“. Auch wenn Jaafar Maqsudi seine Familie im Iran vermisst, schätzt er die Schweiz und ist dankbar, dass seine Familie hier leben darf und denkt dabei auch an die Zukunft seiner inzwischen 5-jährigen Tochter: „In der Schweiz kann sie werden, was sie will. Wenn man motiviert und gewillt ist, etwas zu leisten, ist das hier möglich.“


 

Integrationsagenda Schweiz

Die Integrationsagenda Schweiz führt verschiedene Vorgaben auf, die der Bund in Bezug auf eine nachhaltige Integration von vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen und Personen definiert hat. Die fünf übergeordneten Ziele lauten zusammengefasst wie folgt:

  1. Alle verfügen drei Jahre nach der Einreise über sprachliche Basiskenntnisse.
  2. 80% der Kinder verständigen sich beim Schulstart in der am Wohnort gesprochenen Sprache.
  3. 2/3 der 16-25-Jährigen befinden sich fünf Jahre nach der Einreise in einer Ausbildung.
  4. 50% der Erwachsenen sind sieben Jahre nach der Einreise nachhaltig im ersten Arbeitsmarkt integriert.
  5. Sieben Jahre nach Einreise sind alle mit den schweizerischen Lebensgewohnheiten vertraut.

 


Jaafar Maqsudi
 

Datum der Neuigkeit 22. Feb. 2022
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