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05.12.2021 15:20:10


Altersarbeit anders definiert – Projekt «Socius»

Die Menschen werden durch den medizinischen Fortschritt immer älter und gesünder. So leben beispielsweise in der Gemeinde Wittenbach mit einem Anteil von 28% der über 65-jährigen mehr ältere Personen in unserer Gemeinde als im kantonalen Durchschnitt, der ungefähr bei 23% liegt.

Es gibt zudem eine gesellschaftliche Entwicklung hin zur Individualisierung, Menschen wollen über ihren Alltag selber bestimmen. Bisher hielten die Care-Institutionen ein Angebot an Dienstleistungen bereit, das bei Bedarf abgerufen werden konnte. In Zukunft werden die individuellen Wünsche der Kunden das Mass der Dinge sein. Die Nachfrage wird bestimmen, welche Leistungen Dauer haben.

Zukünftige Herausforderungen gemeinsam angehen
Eine ambulante Organisation, welche Leistungen wie bisher, nur einfach besser, erbringt, hat keine Zukunft. Durchsetzen werden sich die Szenarien, wo kleinräumig soziale Zuwendungen erbracht werden, und, wo individuelle Bedürfnisse über digitale Plattformen und professionelle Dienstleistungen abgerufen werden. In diesem Sinn haben das Alterszentrum Kappelhof, die Spitex RegioWittenbach und die Pro Senectute das Projekt „Socius“ initiiert mit dem Ziel, die zukünftigen Herausforderungen mittels einer Kooperation teilweise gemeinsam anzugehen.

Thomas Diener, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Pro Senectute und Oliver Gröble, Gemeindepräsident und Verwaltungsratspräsident der Alterszentrum Kappelhof AG erklären im Interview von Marc Ferber die Wichtigkeit des Projektes.

Thomas Diener, was ist innovativ an diesem Projekt?
Das Innovative ist das, was eigentlich selbstverständlich sein müsste: Die enge und wertschätzende Zusammenarbeit der Dienstleistungsorganisationen vor Ort und der unbedingte Wille, die älteren Menschen und deren Angehörige nicht einfach als Leistungsempfängerinnen und -empfänger zu verstehen, sondern als Partnerinnen auf Augenhöhe. Das bedingt einen guten und vor allem einen einfachen Zugang zu den wichtigsten Informationen.

Wieso macht die Pro Senectute am Projekt mit?
Eine gute Pflege und Betreuung im Alter kann heute und auch in Zukunft sichergestellt werden, wenn alle am gleichen Strick und in die gleiche Richtung ziehen. Alleine können wir einiges, gemeinsam sind wir stärker! Klingt simpel. Will aber gemacht werden. Die Lösung besteht nicht darin, dass einfach eine zusätzliche, koordinierende Stelle geschaffen wird. Die Idee muss getragen sein von allen Beteiligten. Dazu gehören insbesondere auch Angehörige, Nachbarn, Bekannte. In Wittenbach besteht bereits heute ein sehr gutes Einvernehmen unter den Anbieter-Organisationen. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Darauf freuen wir uns.

Was heisst eine „sorgende Gemeinschaft“ und wieso ist dies wichtig?
Sorge zueinander tragen ist eigentlich der Inbegriff des Mensch sein. Im Wissen darum, dass wir als soziale Wesen aufeinander angewiesen sind – je nach Lebenssituation mal mehr und mal weniger. Und auch im Wissen darum, dass mitmenschliche Begleitung und Unterstützung nicht einfach den «Profis» überlassen werden kann und soll. Eine Gesellschaft verarmt, wenn sie sich nicht mehr umeinander kümmert. Ideal ist, wenn Profis, Angehörige, freiwillig tätige und insbesondere auch die älteren Menschen als Direktbetroffene, eng zusammenwirken.

Wie sieht die Altersarbeit in Zukunft aus, wo sehen sie die Herausforderungen?
Die Menschen werden älter und bleiben durchschnittlich gesünder. Das ist die gute Botschaft. Die Fragilität im hohen Alter wird deshalb aber nicht einfach kleiner, im Gegenteil. Der Anteil hochbetagter Menschen, die auf pflegerische Hilfe und auf Unterstützung in der Alltagsbewältigung angewiesen sind wird grösser. Das erfordert noch viel mehr als heute schon, das gute Zusammenwirken der Profi-Organisationen mit der Zivilgesellschaft. Und das nicht nur in den ersten Wochen einer Pandemie. Das Zusammenspiel muss so ausgestaltet sein, dass die notwendige Hilfe dauerhaft sichergestellt ist und ohne, dass sich wenige «aufopfern» müssen und dabei selber krank werden.

 

Oliver Gröble, was bedeutet das Projekt aus politischer Sicht für Wittenbach?
Der Mensch hat ein Bedürfnis, ein Anliegen oder ein Problem und möchte es befriedigen oder lösen, unabhängig, welche Organisation oder Anbieter, sei es privat oder öffentlich, die Dienstleistung anbietet. Mit diesem Projekt gehen wir neue Wege und versuchen noch mehr aus der Optik die Dienstleistungen ums Älter werden zu verbessern, so dass unsere ältere Bevölkerung davon profitieren kann.

Was ist die Rolle der Gemeinde in diesem Prozess?
Ich habe die verschiedenen Leistungsträger zu einer Kooperation zusammengeführt und mit ihnen das Konzept für die Age Stiftung verfasst. Die Gemeinde war somit Impulsgeberin und hat die Rahmenbedingungen für diesen Prozess gelegt. Die Fachkompetenz liegt aber bei den Kooperationspartnern. Sie füllen das Projekt mit Inhalt und sind „Treiber“ der Projektideen und nicht die Gemeinde. Es muss von den betroffenen Anbietern aus kommen und nicht von der Politik.

Was waren die Herausforderungen in diesem Projekt?
Der Design Thinking Prozess von der Projektleiterin Ruth Keller und ihrem Team hat uns alle sehr gefordert. Eine analytische Herangehensweise zielt häufig von Beginn weg auf eine mögliche Lösung ab. Beim Design Thinking hingegen werden die einzelnen Gedankenschritte bewusst auseinandergehalten. Zuerst versucht man das Thema, dann den Benutzer, dessen Bedürfnisse und Probleme zu verstehen. Erst danach widmet man sich der Lösungsfindung und versucht, mit den geeigneten Denkwerkzeugen innert kurzer Zeit ganz viele verschiedene, kreative und innovative Lösungsansätze zu generieren. Diese Sichtweise hat uns veranlasst, gewisse Dinge einmal ganz anders zu sehen. Daraus ist beispielsweise dann die Idee eines „Chatbot’s“ entstanden.

Gemeindepräsident, Oliver Gröble, und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Pro Senectute, Thomas Diener, im Interview von Marc Ferber



Datum der Neuigkeit 22. Sept. 2021
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